Die ausgewählten Tagebuchstellen führten die Schülerinnen und Schüler behutsam an das Thema heran. Sie beleuchteten insbesondere den Umzug der Familie Frank ins Versteck und den von Angst, Enge und Hoffnung geprägten Alltag im Hinterhaus. Ohne zu überfordern, machten die Texte nachvollziehbar, wie die nationalsozialistische Herrschaft das Leben von Millionen Menschen zerstört hat und wie kleinste Entscheidungen über Sicherheit oder Gefahr entscheiden konnten. Lehrkräfte und AG-Mitglieder rahmten die Lesungen mit kurzen Einordnungen, dem Anne Frank Modellhaus und ermutigten zu Fragen und Austausch.
Ein Moment berührte besonders: Auf die Frage, was Anne uns heute sagen würde, wenn sie könnte, antwortete eine Schülerin aus der 6a, die kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen war: „Anne würde uns sagen, dass unsere Freiheit nicht selbstverständlich ist und wir sie genießen sollten!” In der stillen Aufmerksamkeit, die nach diesem Satz im Raum lag, spiegelte sich, wie unmittelbar die Botschaft bei jungen Menschen ankommt. Es war ein Augenblick, der zeigte, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema bereits in den unteren Jahrgängen ist.
Die Relevanz für unsere Gegenwart ist unübersehbar. Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit verschwinden nicht von allein; sie wachsen dort, wo Unwissen, Gleichgültigkeit und Relativierung Platz greifen. Unsere Erinnerungskultur wirkt dem entgegen: Sie macht Schicksale sichtbar, benennt Verantwortung und schützt vor Verharmlosung. Gerade das Tagebuch der Anne Frank eröffnet uns Zugänge über Empathie und Identifikation – es ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein moralischer Kompass, der fragt, wie wir heute leben und handeln wollen.
Die Worte der Sechstklässlerin erinnern uns alle: Freiheit ist kostbar und nicht selbstverständlich. Sie zu genießen heißt auch, sie zu schützen – durch Hinsehen, Widerspruch und Solidarität im Alltag. Wir, die AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” danken allen Beteiligten und kündigen an, das Thema im nächsten Schuljahr weiter zu vertiefen – in Projekten, Begegnungen und Gesprächen. Denn: Demokratie wird gelebt, wenn Erinnerung lebendig bleibt.